die schalterbeamtin […] fährt fort: „die fabrik gibt dir genug geld, damit du essen und trinken und wohnen kannst und zweimal die woche ins kino. aber dafür musst du, so lange du hier bist, fast alles machen, was die fabrik dir sagt.“ „zweimal die woche ins kino ist gut“, denken sich die menschen dann, „aber fast alles machen, was die fabrik sagt, solange ich hier bin... das ist bei 8 stunden am tag ein drittel meines tages und, wenn ich 8 stunden schlafen will, die hälfte der zeit, die ich wach bin. das ist aber ganz schön viel für zweimal kino.“ aber was sollen sie jetzt noch sagen, sie haben ja schon zugestimmt, und außerdem stehen sie jetzt ja schon mitten in der fabrik oder dem büro.alle paar wochen blicke ich wieder mit gemischten gefühlen auf mein girokonto. jeden monat geht mein kontostand um tausend-soundsoviel-hundert euro nach oben. immer wieder gleiche zahlen, zu denen ich trotzdem keinen bezug herstellen kann. mein problem: ich verstehe geld nicht.- bini adamczak, „kommunismus – kleine geschichte, wie endlich alles anders wird“
weil ich eine bestimmte arbeit mache, bekomme ich jeden monat einen bestimmten geldbetrag gutgeschrieben (erstmal fiktiv, keine goldmünzen oder sowas). davon muss/möchte ich wohnen, essen, trinken, telefonieren, durchs internet schlendern können, mich altersversorgen, unseren kater mitverpflegen und ein wenig geld zu ärztInnen und apotheken tragen. würde ich einen anderen job machen, könnte ich mir vielleicht verblendete kronen leisten oder auch 5 kater oder hunde/hamster/zierfische unterhalten. vielleicht hätte ich ein auto, einen monstertruck oder ich würde 3 x im jahr urlaub machen, mein schloss bestünde aus purem gold. oder aber ich könnte mir im gegenteil gar kein haustier leisten, hätte schulden und würde in ständiger angst leben, dass meine sachen gepfändet und ich aus meiner wohnung geworfen werde. macht der betrag auf meinem konto eine aussage über mich als person? bin ich „wertvoller“, weil ich gut darin bin, geld anzuhäufen? bin ich toller, weil ich mehr geld bekomme als die person neben mir? oder bin ich faul bzw. dumm weil es menschen gibt, die viel mehr geld als ich haben? muss ich schlechte laune bekommen, wenn sich mein kontostand dem nullpunkt nähert? ist mein auftrag das geld-ausgeben oder das geld-anhäufen?
und warum mache ich nun gerade den job, den ich mache? zum einen habe oder habe ich nicht bestimmte „talente“ und fähigkeiten, soft skills, beziehungen oder startkapital. dann habe ich vermutlich eine bestimmte ausbildung gemacht, oder eben nicht. dann hab ich mich für einen bestimmten job beworben oder eben nicht, den ich dann „zufälligerweise“ bekommen habe oder auch nicht (gelenkt durch verschiedene ausschlussmechanismen, rassismus sei als ein möglicher genannt). auf der basis von angebot und nachfrage berücksichtigen wir noch mein geschlecht und alter, meine krankenkasse und weiß der henker, was noch und – tadaa, mein lohn beträgt exakt tausend-soundsoviel-hundert euro.
eigentlich klingt das kapitalismus-immanent doch recht logisch. ich verkaufe meine arbeitskraft und erhalte dafür geld. je nachdem, wie „der markt“ grad so tickt. und je nachdem, was ich bereit bin, dafür zu tun. wenn ich in die wirtschaft gehe und 60-stunden-wochen abreiße, erhalte ich vermutlich mehr geld als wenn ich für 25 stunden die woche in einem als kollektiv gestalteten bio-supermarkt arbeite. die meisten menschen befinden sich irgendwo dazwischen. trotzdem kann ich für 40 stunden in einem beruf einen völlig anderen geldbetrag bekommen als für einen anderen. vermutlich werden beide berufe grad als unterschiedlich wichtig erachtet oder haben andere gesellschaftliche stellenwerte.
dabei geht es mir selber vergleichsweise gut: ich habe einen job, der mir relativ viel geld bringt, es ist mir erlaubt, zu arbeiten, auch bin ich körperlich dazu in der lage, komme zudem aus einem „mittelschichts“-elternhaus und habe eine recht gute ausbildung, so sagt man. tausend-soundsoviel-hundert euro ist soweit nicht schlecht. es ist zwar nicht krass viel, ich bin keine top-managerIn oder reiche erbIn oder so, aber es ist okay, ich komme mit meinem geld klar.
doch auch wenn ich mich in unserer gesellschaft so selbstbestimmt wie möglich organisiere, bin ich trotzdem noch teil des „systems“. im sinne von: auch meine linke, kollektive lieblingskneipe muss abgaben an den staat zahlen, der dann vielleicht damit waffen kauft oder was noch blöderes anstellt. das zweite problem: je weniger stunden und/oder je selbstbestimmter ich arbeite, desto weniger geld bekomme ich – denn wenig und autonom arbeiten kommt nicht gut an in einem system, deren ziel es ist, so viel bedinungslose arbeitskraft für so wenig geld wie möglich zu kaufen. und selbst wenn nicht billig, dann komme ich trotzdem immer noch zur ständigen erkenntnis: 8 stunden am tag ist die hälfte der zeit, die ich wach bin. wie soll geld das aufwiegen können? es ist nicht möglich, mir genug geld zu geben, damit meine lebenszeit, die ich mit lohnarbeiten verbracht habe, nicht verloren ist.
ich will mich nicht entscheiden müssenentweder also:
zwischen scheiße und scheiße
und wäre nur platz für einen klaren gedanken,
würde er heißen: nieder mit den kompromissen!
und wollt ihr auch wissen wie: her mit der utopie,
her mit der utopie, her mit der utopie...- bernadette la hengst, „her mit der utopie“
- ich habe zu wenig/kein geld und dafür eine menge zeit, oder:
- ich habe geld, das trotzdem niemals angemessen sein kann und dann nicht mal zeit, damit etwas meiner meinung nach sinnvolles zu tun.

mein toller traum vom künstlerInnen-kollektiv in new york wird jedenfalls vermutlich in beiden fällen nicht funktionieren (das wäre ein beispiel für die „netten dinge“ für die einem die lohnarbeit keine zeit lässt). und je länger man in diesen doofen strukturen lebt, desto weniger kann man sich noch aufraffen, irgendwas zu verändern. „zufriedene sind resignierende ohne es zu wissen“ heißt es ja nicht umsonst. vielleicht sollte man lieber niemals länger als 2 jahre in einem job bleiben, sonst weiß man nicht mehr, ob man aus bequemlichkeit und hirnerschlaffung bleibt oder weil die arbeit tatsächlich das ist, was man tun möchte. aber selbst eine 2-jahres-grenze löst doch das lohnarbeits-problem nicht an sich, und die revolution klopft leider aktuell nicht direkt an die tür. also was tun? sabotage? amok laufen? oder doch lieber mir selber eine nette nische suchen, auf veränderung warten und bier trinken?
das problem ist das system an sich, das prinzip der lohnarbeit. ich finde es schrecklich, arbeit erledigen zu müssen, die von anderen leuten vorgegeben ist. nicht nur, was mich angeht - niemand sollte sowas tun müssen. ich finde, jede/r sollte selber bestimmen können, was er/sie den ganzen lieben langen tag macht und auch, mit wem und in welcher form. wobei das nicht ganz richtig ist, denn das funktioniert nur, sofern es emanzipatorisch ausgerichtet ist. allen menschen sollte es möglich sein, hierarchiefrei zu arbeiten, also keine chefs/chefinnen haben. macht korrumpiert, das ist keine neue erkenntnis, und rumbefehlen war noch nie sexy. aber was macht man mit den „arschlöchern“ in einer befreiten gesellschaft? die werden ja nicht automatisch mitbefreit und sind plötzlich alle reflektiert, antisexistisch, antifaschistisch, anti-... etc. ich weiß die antwort auf diese frage nicht.
aber zurück zur lohnarbeit: nicht arbeiten an sich ist schlecht, wenn man arbeit erstmal möglichst wertneutral als „beschäftigung mit etwas“ betrachtet - sondern die umstände, unter denen sie im kapitalismus stattfindet. ich bin mir sicher, wenn alle menschen ihre betätigung frei wählen könnten, würde kein chaos oder das nichts-tun über uns hereinbrechen. den meisten menschen macht es nämlich spaß, das zu tun, was sie gut können. und wenn etwas spaß macht, braucht man auch kein geld als anreiz, um es zu tun.
i talked to god but the sky was empty. so i turned to marx:
eine gesellschaftsordnung geht nie unter, bevor alle produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere produktionsverhältnisse treten nie an die stelle, bevor die materiellen existenzbedingungen derselben im schoß der alten gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind.was heißt das für eine mögliche strategie? kurzes resume: geld und lohnarbeit sind sinnlos. sie mit sinn erfüllen zu wollen, muss scheitern. (wurde mir neulich aus meinem direkten sozialen umfeld auf meine verwirrung hin mitgeteilt) aber: es gibt eh kein richtiges leben im falschen. (adorno) die gesellschaft wird dann umstürzen, wenn sie ausgeschöpft ist, und keinen moment früher, und muss auch noch aus der alten heraus entstehen. (marx) ich kann aber auch schlecht auf das ende des kapitalismus warten bis ich mal was nettes aus meinem leben mache, oder?marx, „zur kritik der politischen ökonomie“
die 40-oder-mehr-stunden-woche mit fremdbestimmter arbeit kann nicht erstrebenswert sein (abstumpfungsgefahr). selbstbestimmtes leben, aber wie? muss ich das sofort entscheiden? zu lange warten ist jedenfalls nicht gut. denn wenn man zu lange in den gleichen strukturen ist... und so weiter, ihr wisst schon.
was gibt es jetzt noch zu tun? uns nicht dumm machen lassen und unter unglücklichen verhältnissen unser glück versuchen.A.G. GENDER-KILLER


"Das mit der Erwerbsarbeit ist ein Scheiß-Konzept", wie mein Kumpel so schön sagt.
AntwortenLöschenDas Problem ist, glaub ich, etwas zu finden, das du tatsächlich so gern machen magst, dass es tatsächlich ok ist, dass du die Hälfte deiner Wachzeit damit zubringst. Unter der Voraussetzung, dass man nicht das ganze System überdenken will/sollte.
Das zu finden, ist aber erstens nicht leicht, und zweitens "anspruchsvoll". Weshalb Die Gesellschaft[tm] einem ja immer eins über die Rübe gibt, man sei "verwöhnt", "verhätschelt" oder "wisse nichts vom [harten] echten Leben", wenn man allen Ernstes solche "Ansprüche" stellt. Andere Leute wären froh, wenn sie überhaupt Arbeit hätten, heißt es dann. Und natürlich ist Beschweren übers Arbeiten sowieso verdächtig: nur wer hart arbeitet und darüber gefälligst nicht meckert, ist ein vollwertiges Mitglied dieser Gesellschaft.
Das ist dann der Moment, wo ich denke, dass ich die Leute tatsächlich eher zum Schweigen bringen könnte, wenn ich im Lotto gewänne und das als Grund für Müßiggang angebe, als dass ich sie von ihren seltsamen Ansichten über das "gute harte Arbeiten" abbringen könnte.
P.S.: Ich nochmal. Hab ich vielleicht was übersehen, oder kann es sein, dass man bei Euch im Moment nur kommentieren kann, wenn man bei einem Blogdienst angemeldet ist (Blogger/LJ etc.)?
AntwortenLöschenWäre etwas schade, denn mein eigentliches Blog ist auf meiner eigenen Domain (auf der ich Wordpress installiert habe), weshalb ich offiziell weder bei Blogger (war ich bis vor kurzem, deshalb dieser Account), noch Wordpress o.Ä. gemeldet bin.
tatsache... sollte jetzt aber geändert sein. und überhaupt erst mal danke und glückwunsche zum ersten sempf-kommentar in diesem blog :)
AntwortenLöschenHuch, stimmt ja, danke sehr. :)
AntwortenLöschenJa, aus gegebenem Anlass denke ich auch grad sehr viel über die Frage nach, welche Art von Erwerbsarbeit ich denn eigentlich machen will (also nicht die Auswahl, sondern wie die überhaupt aussehen soll) und wieviel Kompromisse ich bei der Suche eingehen will, da passte dieser Eintrag sehr.