jaja, scheißtitel. aber steilvorlage ist steilvorlage, das kann man sich nicht entgehen lassen. objekt unserer verachtung ist diesmal die ARGE, die ARbeitsGEmeinschaft, die aber ihrem namen nicht unbedingt alle ehre macht. nach beendigung meines studiums war ich als fleischgewordenes schicksal aller geisteswissenschaftler dort auch desöfteren mal zu terminen „eingeladen“, die meist früh morgens stattfanden, auf die ich dann auf dem flur circa eine stunde warten musste und die dann im endeffekt gerade mal zwei minuten dauerten. inhalt dieser ergiebigen zusammenkünfte: wie geht’s, was machen sie, ok, tschüß.
die erfindung telefon halte ich ja in diesem zusammenhang keineswegs für überbewertet, die verschwendung von papier und zeit auf beiden seiten allerdings schon.
meine berufsberaterin war auch eigentlich eher eine katastrophenverwalterin, die highlights unserer beziehung seien hier kurz aufgezählt:
- streichung meiner bezüge ohne jegliche ankündigung (weder telefonisch noch schriftlich), weil ich ein praktikum in einer anderen stadt machte, von dem sie wusste und das sie selbst genehmigt hatte. begründung: sie wisse, wo ich sei, habe mich aber trotzdem zuhause telefonisch erreichen wollen, ich sei aber nicht rangegangen. ich müsse also persönlich vorbeikommen jetzt, um meine mir gesetzlich zustehenden bezüge wieder zu bekommen. dass ich 500 kilometer weit weg war und nicht einfach mal so meinen praktikumsplatz verlassen konnte, war wohl irrelevant. genauso wie die tatsache, dass die adresse, telefonnummer und e-mailadresse meines praktikumsplatzes vor ihrer nase in meiner akte standen. erst das drohen mit einem anwalt meinerseits sorgte dafür, dass ich mein geld bekam.
- zusenden von stellenangeboten, die nicht mal ansatzweise auf mein profil passten, mit der androhung, meine bezüge zu streichen (schnarch) wenn ich nicht gut begründen könne, wieso ich mich da nicht bewerbe. gleichzeitiges ignorieren der tatsache, dass ich zu diesem zeitpunkt schon dutzende bewerbungen schrieb und geschrieben hatte. irgendwann war ich es leid, mich jedes mal wieder schriftlich rechtfertigen zu müssen, wenn ich mich auf eine vorgeschlagene stelle nicht bewarb, und bestand darauf, mir die stellen selbst zu suchen. jetzt drängte sich mir allerdings die frage auf, ob meine eigeninitiative nicht eher kontraproduktiv gewesen war.
- eine einladung zu einem gespräch, das sich um die lapidare frage drehte, wieso ich eigentlich noch da sei. ihr sei nämlich aufgefallen, dass ich mich ja doch immer woanders bewerben würde, ich solle doch umziehen. ach? wohin denn? fragte ich, denn das ist ja unsinn, ich bewerbe mich deutschlandweit, wieso sollte ich da jetzt auf gut glück irgendwo anders hinziehen, nur, um dann eventuell nach ein paar wochen wieder wegziehen zu müssen, weil ich, die hoffnung stirbt zuletzt, einen job woanders gefunden habe? eine antwort bekam ich nicht, nur ein „wieso bewerben sie sich denn nicht hier in der gegend?“ dass es „hier in der gegend“ einfach nichts zu bewerben gab, war dabei schlicht und einfach egal. für mich war das thema damit erledigt. für sie auch, zumindest tat sie so.
- doch sie hatte einfach gern das letzte wort. denn daraufhin folgte einen tag später per brief die kürzung meiner bezüge (das hatte sie natürlich mit keiner silbe erwähnt), weil ich es schon wieder gewagt hatte, nicht nur blöde zuhause zu sitzen, sondern ein weiteres praktikum in einer anderen stadt anzunehmen, um meine chancen auf dem arbeitsmarkt zu verbessern. die dahinterstehende logik konnte sie mir nur erklären, indem sie darauf hinwies, ich stünde ihr ja in dieser zeit „nicht zur verfügung“. wofür ich denn zur verfügung stehen sollte, das konnte sie mir nicht sagen. „zur verfügung“ stand ich nämlich vorher mehr als ein halbes jahr und das für nichts und wieder nichts. eigentlich war das eher ein „zur verfügung herumsitzen“, denn von der ARGE kam in dieser zeit rein gar nichts, schon gar keine „berufsberatung“. außerdem ging sie einfach mal davon aus, dass ich dort, wo ich während des praktikums unterkam, nämlich bei meinen eltern, keinen verpflegungszuschuss brauche, das zahlen die dann schon. auch hier war anscheinend wieder irrelevant, dass meine eltern weder mir gegenüber unterhaltspflichtig waren noch überhaupt irgendwie verpflichtet, mich mit zu versorgen.
- der absolute höhepunkt meiner karriere bei der ARGE war allerdings das obligatorische bewerbertraining, das jeder ARGE-neuling („kunde“ geht mir in diesem zusammenhang wirklich nur in klammern durch die fingerspitzen) anfangs absolvieren muss, eine wunderbare sozialstudie unter der prämisse der inkompetenz. jeder mensch mit einem IQ über 70 musste sich zwangsläufig beleidigt und gegängelt fühlen. von den völlig unkundigen „trainern“ und ihren haarsträubenden methoden über ebendiese methoden, die völlig ineffizient waren, über die tatsache, dass eigentlich keiner wusste, was er da soll (inklusive trainer) bis hin zu den computern, auf denen bewerbungen geschrieben werden sollten, die aber entweder kaputt oder so veraltet waren, dass man nicht mal eine grafik ordentlich bearbeiten konnte, und den druckern, die eine schlechtere qualität als jeder kartoffeldruck aufwiesen, waren diese zehn tage realsatire in reinform.
da gab es arbeitslose, die denselben sinnlosen kurs zum achten mal machten, weil sie ja das recht darauf haben, von der ARGE was angeboten zu bekommen, diese ihnen aber eben nichts anbieten kann. daneben schulabbrecher ohne jede motivation, die eigentlich lieber 50 cent hörten und schon enthusiastisch waren, wenn sie einen fadenscheinigen job an irgendeinem hinterhof-fließband angeboten bekamen.
außerdem noch asylanten, die kein wort deutsch sprachen, die aber dennoch angemotzt wurden, wenn sie nicht taten, was der „trainer" gesagt hatte.
und dazwischen konfuse hochschulabsolventen, die sich wunderten, wieso sie eine bewerbung zum bankkaufmann schreiben sollten, wenn sie doch einen magister in geographie hatten.
es endete kurz gesagt damit, dass ich anderen half, ihre bewerbungen zu schreiben, weil es sonst keiner tat.
geholfen hat das ganze nichts, meine bewerbungen, die ich nach deren muster schreiben sollte, hatten nie erfolg, erst die, die ich nach eigenem ermessen verfasste, verhalfen mir zu jobangeboten. aber das ist eine geschichte in sich selbst. die erzähl ich vielleicht nächstes mal.
wenn es darum geht, sich dort wieder abzumelden, ist die ARGE allerdings sehr entgegenkommend! ein süffisantes „herzlichen glückwunsch!“ musste dann aber doch noch sein, das „na sehen sie!“ konnte man sich wohl gerade so noch verkneifen.
meinen job habe ich jedenfalls alleine und ohne jegliche unterstützung der ARGE gefunden, von einer „gemeinschaft“ konnte da keine rede sein. und irgendwie fühlt es sich an, als wäre ich gerade aus der irrenanstalt entlassen worden; zu klären wäre da noch die frage, ob ich da eigentlich pfleger oder insasse gewesen bin.
die erfindung telefon halte ich ja in diesem zusammenhang keineswegs für überbewertet, die verschwendung von papier und zeit auf beiden seiten allerdings schon.
meine berufsberaterin war auch eigentlich eher eine katastrophenverwalterin, die highlights unserer beziehung seien hier kurz aufgezählt:
- streichung meiner bezüge ohne jegliche ankündigung (weder telefonisch noch schriftlich), weil ich ein praktikum in einer anderen stadt machte, von dem sie wusste und das sie selbst genehmigt hatte. begründung: sie wisse, wo ich sei, habe mich aber trotzdem zuhause telefonisch erreichen wollen, ich sei aber nicht rangegangen. ich müsse also persönlich vorbeikommen jetzt, um meine mir gesetzlich zustehenden bezüge wieder zu bekommen. dass ich 500 kilometer weit weg war und nicht einfach mal so meinen praktikumsplatz verlassen konnte, war wohl irrelevant. genauso wie die tatsache, dass die adresse, telefonnummer und e-mailadresse meines praktikumsplatzes vor ihrer nase in meiner akte standen. erst das drohen mit einem anwalt meinerseits sorgte dafür, dass ich mein geld bekam.
- zusenden von stellenangeboten, die nicht mal ansatzweise auf mein profil passten, mit der androhung, meine bezüge zu streichen (schnarch) wenn ich nicht gut begründen könne, wieso ich mich da nicht bewerbe. gleichzeitiges ignorieren der tatsache, dass ich zu diesem zeitpunkt schon dutzende bewerbungen schrieb und geschrieben hatte. irgendwann war ich es leid, mich jedes mal wieder schriftlich rechtfertigen zu müssen, wenn ich mich auf eine vorgeschlagene stelle nicht bewarb, und bestand darauf, mir die stellen selbst zu suchen. jetzt drängte sich mir allerdings die frage auf, ob meine eigeninitiative nicht eher kontraproduktiv gewesen war.
- eine einladung zu einem gespräch, das sich um die lapidare frage drehte, wieso ich eigentlich noch da sei. ihr sei nämlich aufgefallen, dass ich mich ja doch immer woanders bewerben würde, ich solle doch umziehen. ach? wohin denn? fragte ich, denn das ist ja unsinn, ich bewerbe mich deutschlandweit, wieso sollte ich da jetzt auf gut glück irgendwo anders hinziehen, nur, um dann eventuell nach ein paar wochen wieder wegziehen zu müssen, weil ich, die hoffnung stirbt zuletzt, einen job woanders gefunden habe? eine antwort bekam ich nicht, nur ein „wieso bewerben sie sich denn nicht hier in der gegend?“ dass es „hier in der gegend“ einfach nichts zu bewerben gab, war dabei schlicht und einfach egal. für mich war das thema damit erledigt. für sie auch, zumindest tat sie so.
- doch sie hatte einfach gern das letzte wort. denn daraufhin folgte einen tag später per brief die kürzung meiner bezüge (das hatte sie natürlich mit keiner silbe erwähnt), weil ich es schon wieder gewagt hatte, nicht nur blöde zuhause zu sitzen, sondern ein weiteres praktikum in einer anderen stadt anzunehmen, um meine chancen auf dem arbeitsmarkt zu verbessern. die dahinterstehende logik konnte sie mir nur erklären, indem sie darauf hinwies, ich stünde ihr ja in dieser zeit „nicht zur verfügung“. wofür ich denn zur verfügung stehen sollte, das konnte sie mir nicht sagen. „zur verfügung“ stand ich nämlich vorher mehr als ein halbes jahr und das für nichts und wieder nichts. eigentlich war das eher ein „zur verfügung herumsitzen“, denn von der ARGE kam in dieser zeit rein gar nichts, schon gar keine „berufsberatung“. außerdem ging sie einfach mal davon aus, dass ich dort, wo ich während des praktikums unterkam, nämlich bei meinen eltern, keinen verpflegungszuschuss brauche, das zahlen die dann schon. auch hier war anscheinend wieder irrelevant, dass meine eltern weder mir gegenüber unterhaltspflichtig waren noch überhaupt irgendwie verpflichtet, mich mit zu versorgen.
- der absolute höhepunkt meiner karriere bei der ARGE war allerdings das obligatorische bewerbertraining, das jeder ARGE-neuling („kunde“ geht mir in diesem zusammenhang wirklich nur in klammern durch die fingerspitzen) anfangs absolvieren muss, eine wunderbare sozialstudie unter der prämisse der inkompetenz. jeder mensch mit einem IQ über 70 musste sich zwangsläufig beleidigt und gegängelt fühlen. von den völlig unkundigen „trainern“ und ihren haarsträubenden methoden über ebendiese methoden, die völlig ineffizient waren, über die tatsache, dass eigentlich keiner wusste, was er da soll (inklusive trainer) bis hin zu den computern, auf denen bewerbungen geschrieben werden sollten, die aber entweder kaputt oder so veraltet waren, dass man nicht mal eine grafik ordentlich bearbeiten konnte, und den druckern, die eine schlechtere qualität als jeder kartoffeldruck aufwiesen, waren diese zehn tage realsatire in reinform.
da gab es arbeitslose, die denselben sinnlosen kurs zum achten mal machten, weil sie ja das recht darauf haben, von der ARGE was angeboten zu bekommen, diese ihnen aber eben nichts anbieten kann. daneben schulabbrecher ohne jede motivation, die eigentlich lieber 50 cent hörten und schon enthusiastisch waren, wenn sie einen fadenscheinigen job an irgendeinem hinterhof-fließband angeboten bekamen.
außerdem noch asylanten, die kein wort deutsch sprachen, die aber dennoch angemotzt wurden, wenn sie nicht taten, was der „trainer" gesagt hatte.
und dazwischen konfuse hochschulabsolventen, die sich wunderten, wieso sie eine bewerbung zum bankkaufmann schreiben sollten, wenn sie doch einen magister in geographie hatten.
es endete kurz gesagt damit, dass ich anderen half, ihre bewerbungen zu schreiben, weil es sonst keiner tat.
geholfen hat das ganze nichts, meine bewerbungen, die ich nach deren muster schreiben sollte, hatten nie erfolg, erst die, die ich nach eigenem ermessen verfasste, verhalfen mir zu jobangeboten. aber das ist eine geschichte in sich selbst. die erzähl ich vielleicht nächstes mal.
wenn es darum geht, sich dort wieder abzumelden, ist die ARGE allerdings sehr entgegenkommend! ein süffisantes „herzlichen glückwunsch!“ musste dann aber doch noch sein, das „na sehen sie!“ konnte man sich wohl gerade so noch verkneifen.
meinen job habe ich jedenfalls alleine und ohne jegliche unterstützung der ARGE gefunden, von einer „gemeinschaft“ konnte da keine rede sein. und irgendwie fühlt es sich an, als wäre ich gerade aus der irrenanstalt entlassen worden; zu klären wäre da noch die frage, ob ich da eigentlich pfleger oder insasse gewesen bin.


Wow,
AntwortenLöschenich habe einen Freund der bei der Arge arbeitet.
Dem würde ich gerne diesen Text mal zeigen. Dann können sich die Kollegen vielleicht mal zur Supervision zusammensetzen.
Aber ich glaube da ist irgendwie "Hopfen und Malz" verloren.
Wenn grundsätzlich die Erfahrungen mit der Arge nicht so traurig wären, könnte man sagen, der Artikel hat etwa von einer Monty Python Komik.
Grüße JBF
So sind se, bei der ARGE. Ich hab' es damals mal gewagt, als Student Wohngeld beim Wohnungsamt zu beantragen. Ich hab' nix bekommen. Begründung: "Sie verdienen zu wenig, unter den Bedingungen kann ich ihnen kein Wohngeld zugestehen. Wenn sie mindestens 600 Euro pro Monat verdienen, kann ich ihnen auch Wohngeld geben." :-)
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